Poetry-Slam-Projekt "A'slama"

Die großen politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen oder ganz Alltägliches wie Liebe und Familie – das sind die Themen, die junge Menschen in Tunesien beschäftigen. Beim ifa-geförderten Poetry-Slam-Projekt "A'slama" in Tunis griffen junge Tunesierinnen und Tunesier zu Stift und Papier und versuchten sich an eigenen Texten – in deutscher Sprache.

NEIN!! Du bist ein Mensch. Ein Mensch, den Allah auszeichnet. So steh auf! Kopf hoch! Bleib nicht, wo du bist, und gehe immer weiter. - Wiem Bech
Wer fühlt, dass er wirklich frei ist?! Wer fühlt, dass er zufrieden ist?! Wie kann ich endlich die Freiheit definieren? Mehr als diesen Satz habe ich nicht gefunden: Freiheit ist die Luft, die ich atme. - Islem Kabtani
Nur eins möchte ich ihnen sagen: Ihr verliert eure wertvolle Zeit und bewegt euch im Vakuum. "Salah El-Dine" wird nicht mehr kommen. Er kann nicht zweimal leben. Die Leute von gestern können nicht heute leben. Wir brauchen neue Salah El-Dine mit neuem Geist und neuen Ideen. Wir brauchen dich! Du bist dein eigener Held! Du bist das Schwert der Neuerung! Steh auf! Glaub mir! Wir sind nicht mehr kopflos, weil Du existierst. - Feriel Hechemi
Die nichtigen Wesen müssen immer so sein! Leben einsam in einem Käfig Unter der Macht der Tyrannen, Warten auf den Tod. - Mossab Ben Naceur

Das Kulturhaus Ibn Rachiq in Tunis ist ein Ort, der Kulturschaffenden als Plattform für den Austausch untereinander und mit der Gesellschaft dient. Hier werden internationale Filme gezeigt, Vorträge gehalten und in Ausstellungen präsentieren sich Künstler. Attraktive Räumlichkeiten, atmosphärische Ecken und ein Garten zum Zurückziehen – ein „wunderschönes Setting“ für kreative Arbeit, findet Lena Schröder, die ehemalige CrossCulture-Stipendiatin, die hier ihre eigene kreative Idee verwirklichen konnte.

Mit Unterstützung des CrossCulture Plus-Förderprogramms gelang es Lena Schröder im Juni 2014, ihr Projekt „A’Slama“ durchzuführen. Zwölf tunesische Germanistikstudentinnen und -studenten durften die Dinge, die sie in ihrem alltäglichen Leben beschäftigen, in Worte kleiden und im Rahmen eines Poetry Slam vortragen. In Deutschland hat diese Art des Literaturwettbewerbs schon längst sein festes Publikum gefunden. Auch in Tunesien gibt es eine rege, wenn auch kleine, Szene. Wie bei Poetry-Slams in Deutschland wurden den „A’Slama“-Teilnehmern keine Themenvorgaben gemacht. Einziges Muss: Die Slammer mussten ihre Texte in deutscher Sprache vorbereiten. Anfangs war die fremde Sprache einschüchternd, denn einige der Teilnehmer lernten erst seit zwei Jahren Deutsch. Doch letztlich siegte das Slam-Fieber über die Sprachhemmungen.

 

Eine spontane Idee beim Kaffeetrinken

„A’Slama“, das heißt auf Arabisch „Hallo“. Es kann aber auch als „a slammer“, ein Poetry-Slammer, gelesen werden. Die Idee für ihr Projekt kam Lena Schröder während ihres CrossCulture-Praktikums 2013 in Monastir. In dieser Zeit lernte sie Farah Bouamar kennen. Als marokkanischstämmige Slammerin ist Farah im deutsch-muslimischen Poetry-Slam-Verein „I,slam“ aktiv. Gemeinsam hatten sie den recht spontanen Einfall, ein gemeinsames Projekt in Tunesien aufzuziehen: „Irgendwann saßen wir mit einem Kaffee in der Hand da und haben rumgesponnen“, erinnert sich Lena Schröder. „Wäre doch toll, wenn wir I’slam nach Tunesien holen würden, so als Ferienworkshop.“. Sie stellte einen Antrag und CrossCulture Plus stellte die nötigen Mittel zur Verfügung.

Für die zwölf Teilnehmer wurde der Poetry-Slam-Workshops im Kulturhaus Ibn Rachiq zur kreativen Spielwiese. Zusammen mit drei Coachs von „I,slam“ aus Deutschland konnten sie gezielt daran feilen, ihre Ideen sprachlich und stylistisch umzusetzen. „Innerhalb von einem halben Tag waren sie alle total aufgeblüht und haben sehr produktiv und sehr kreativ gearbeitet“, so Lena Schröder.

 

Wohin steuert Tunesien?

Die Art und Weise, mit der sich die Slammer ihren Themen näherten, war von Person zu Person unterschiedlich – mal lustig, mal dramatisch, mal melancholisch. Dennoch wurde deutlich, wie sehr die fortwährenden politischen Umwälzungen seit dem Sturz Ben Alis und der damit einhergehende gesellschaftliche Wandel die tunesische Jugend beschäftigt. Die Texte der Teilnehmer geben einen Einblick in ihre Erfahrungen und werfen Fragen nach der Zukunft des Landes auf: Wie wichtig ist Patriotismus heute? Welche Rolle dürfen oder müssen der Islam und traditionelle Werte im postrevolutionären Tunesien spielen? Wie kann Tunesien eine tolerante, vielschichtige Gesellschaft bleiben? Und überhaupt: Welchen Weg soll das Land einschlagen – gesellschaftlich wie politisch?

Salah El-Dine wird nicht mehr kommen

 

Artikel: Dominic Konrad

Fotos: Tunislam